In Zeiten von Corona und des daraus resultierenden Lockdowns gute Nachrichten zu finden, ist schwer. Die Schriftstellerin Ekaterina „Kat“ Kaufmann hat es dennoch geschafft. Gratulation dazu. Ihre persönliche gute Nachricht scheint so zu lauten: Sie findet es klasse.

Am Montag, 27.04.2020 erschien auf SPIEGEL ONLINE ein Artikel besagter Dame, in dem sie beschreibt, wie sehr sie die aktuelle Situation in ein „wohliges Kindheitsgefühl“ zurückversetzt – und vermeintlich nonchalant schildert, wie sie in diesen Tagen ausgiebig ihrem „Bonvivant“-Lebensstil frönen kann. Dank weniger Menschen auf den Straßen und fröhlich zwitschernder Vögel. Desweiteren ergötzt sie sich über Fenster, welche Geschichten über die Bewohner dahinter erzählen, die ja nun auch entsprechend zuhause sind. Würde Frau Kaufmann diesen Geschichten aufmerksam lauschen, dann würden sie ihr von Existenzangst erzählen, von Ungewissheit, von Stress, von psychischem Druck, von den Sorgen und Nöten all derer, die nicht betucht genug für ein dahinschwebendes „Bonvivant“-Leben sind. Denen die ach so schön singenden Vögel herzlich egal sind, weil die Coronahilfen der Politik nicht mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein darstellen. In ihrer von Realitätsfremde vernebelten Wahrnehmung sieht sie jedoch nur flackerndes Licht und romantisiert verklärte Einbildungen hinter den Scheiben.

Fast schon auf eklige Art und Weise versucht Kat Kaufmann sich herauszureden, ihr seien die entsprechenden Umstände all derer bewusst, die durch COVID19 in Schwierigkeiten jeglicher Art kommen. Mit geheuchelten Krokodilstränen trauert sie kurz um einen Schreibwarenladen in ihrer Straße – um dann einige Zeilen später nochmal zu insistieren, dass ihr Leben noch nie so angenehm gewesen sei, wie jetzt. Und eigentlich fehle ihr ja gerade nur ein Espresso, stilvoll von einem Italiener mit weißem Hemd serviert.

Gekrönt wird der Gastbeitrag noch durch die Bitte, man möge sich doch über ihre Einstellung nicht aufregen. Ich rege mich trotzdem auf. Sehr bewusst und demonstrativ sogar. Die Schilderung des „Was geht es mich an?“-First World Lifestyles von Kat Kaufmann ist ein Schlag mit Schwung ins Gesicht des größten Teils unserer Gesellschaft. Den systemrelevanten Unterbezahlten. Den Inhabern von kleinen und mittelständischen Unternehmen und Läden, die nicht wie die großen Ketten Rücklagen haben um mehrere Monate Shutdown zu überstehen. Ihren Mitarbeitern. Der Kunst- und Kulturbranche. Der Gastronomie, die ihr nach diesem Artikel vielleicht auch künftig ihren Espresso verwehrt. Falls sie dann noch existiert. Nach Corona werden wir feststellen, was uns alles verloren ging. Aber für das Wohlgefühl von Kat Kaufmann machen wir natürlich gerne alles dicht. Prioritäten setzen. So viel Zeit muss sein. Geben Sie mal eben Bescheid, wenn Sie fertig sind. Ach halt – da ist ja dann vermutlich Corona immer noch da.

All dem zum Trotz ist sich die Autorin nicht mal zu schade, die geschlossenen Geschäfte mit der Mangelwirtschaft der früheren Sowjetunion zu vergleichen – und damit all jene zu verhöhnen, die auch bereits damals unter der gesellschaftlichen Situation gelitten haben. Da ist es vielleicht ganz gut zu wissen, dass Madame Bonvivant jetzt erstmal ganz sorgenfrei liest, töpfert, Gitarre lernt. Und hoffentlich keine Gastbeiträge mehr schreibt.

Und auf Ihre Umarmung kann ich verzichten – mit großem Abstand!

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